Von sechs Monaten Stillen zu fünf Jahren Stillzeit und Tandemstillen

Hätte mir vor ein paar Jahren jemand erzählt, dass ich mein Kind länger als fünf Jahre stillen und sogar Tandemstillen würde, hätte ich das nie geglaubt. Im Gegenteil, ich hatte so viele Horrorgeschichten über das Stillen gehört, dass ich eigentlich schon damit rechnete, dass es bei uns gar nicht funktionieren würde.

Gleichzeitig hatte ich mich intensiv mit dem Thema Stillen beschäftigt, dem sogenannten „flüssigen Gold“. Muttermilch steckt voller Antikörper, ist perfekt auf die Bedürfnisse eines Kindes abgestimmt und bringt auch für die Mutter Vorteile mit sich. So wird sie unter anderem mit einem geringeren Risiko für Brustkrebs, einer schnelleren Erholung nach der Geburt und der Ausschüttung von Oxytocin, dem Kuschelhormon, während der innigen Stillmomente in Verbindung gebracht. Deshalb wollte ich es auf jeden Fall versuchen.

Mein Plan: Sechs Monate stillen

Als die Milch nach der Geburt meiner ersten Tochter förmlich zu fließen begann, war ich überglücklich. Die viel zu großen Brüste, die ich früher immer gehasst hatte, schienen plötzlich doch zu etwas gut zu sein.

Mein Ziel war es, sechs Monate zu stillen. Danach wollten wir weitersehen, sobald unsere Tochter mit Beikost beginnen würde.

Würden wir bis zum ersten Geburtstag weitermachen?

Unsere Stillreise fühlte sich so gut an, dass wir einfach weitermachten. Zunächst dachte ich, wir würden bis zu ihrem ersten Geburtstag stillen. Schließlich hieß es beim Kinderarzt, dass es danach „eigentlich nicht mehr nötig“ sei.

Später erfuhr ich jedoch, dass die WHO (Weltgesundheitsorganisation) empfiehlt, Kinder zusätzlich zur normalen Ernährung bis zum Alter von zwei Jahren oder länger zu stillen. Da dabei auch gesundheitliche Vorteile und eine Unterstützung des Immunsystems genannt werden, begann ich, mich intensiver mit dem Langzeitstillen zu beschäftigen. Also entschied ich mich weiterzumachen.

Für uns war Stillen viel mehr als nur Nahrung. Es half meiner Tochter, nach einem aufregenden Tag in der Betreuung zur Ruhe zu kommen, spendete Trost nach einem Sturz und war oft das Einzige, was sie wollte, wenn sie krank war. Außerdem schliefen wir beide dadurch gut, und ich bemerkte selbst, wie beruhigend die beim Stillen ausgeschütteten Hormone wirken können.

Bis heute finde ich es beeindruckend, wozu ein Frauenkörper fähig ist. Für uns fühlte es sich richtig an, also machten wir weiter.

Stillen und wieder schwanger werden

Stillen fiel mir leicht, doch erneut schwanger zu werden, erwies sich als deutlich schwieriger. Unser Wunsch nach einem zweiten Kind war groß. Trotzdem rieten mir sowohl meine Hausärztin als auch die Kinderwunschklinik dazu, mit dem Stillen aufzuhören.

Das empfand ich als herzzerreißend. Meine Tochter wollte noch jeden Tag gestillt werden, und ich hatte das Gefühl, zwischen ihrem Bedürfnis nach Nähe und meinem Wunsch nach einem zweiten Kind wählen zu müssen. Doch einige Monate bevor ich eigentlich aufhören wollte zu stillen, wurde ich doch schwanger. Wir waren überglücklich.

Gleichzeitig las ich online, dass Kinder während einer Schwangerschaft der Mutter manchmal von selbst abstillen. Die Zusammensetzung der Muttermilch verändert sich nämlich und auch der Geschmack kann sich verändern.

Bei uns war jedoch genau das Gegenteil der Fall. Meine Große wurde zu einer echten „Milchliebhaberin“ und stillte fröhlich weiter. Das war für mich völlig in Ordnung, auch wenn ich mir manchmal Sorgen wegen einer möglichen Frühgeburt machte. Auf Milchpumpen findet man schließlich häufig den Hinweis, in den Wochen vor dem errechneten Geburtstermin nicht zu pumpen, da dies Wehen auslösen könnte.

Ironischerweise kamen beide meiner Töchter genau zum selben Zeitpunkt zur Welt: bei 40 Wochen und 2 Tagen. Und beide wurden an einem Dienstag geboren.

Vom Langzeitstillen zum Tandemstillen

Was dann geschah, war wirklich großartig.

Unsere Mädchen lernten nicht nur sofort, ihre Mama zu „teilen“, meine Große half auch dabei, sämtliche Milchstauungen wegzutrinken. Nach meiner ersten Geburt hatte ich darunter sehr gelitten, doch diesmal verlief die erste Zeit nach der Geburt dadurch viel entspannter.

Außerdem hatte ich keine Probleme mit einem starken Milchspendereflex und es war mehr als genug Milch für beide Kinder vorhanden. Nur wenn meine Große in der Betreuung war, musste ich wirklich abpumpen, weil ich sonst das Gefühl hatte zu platzen. Mein Körper produzierte schließlich Milch für zwei Kinder.

Beim Tandemstillen trinken beide Kinder gleichzeitig Muttermilch, jeweils an einer Brust. Da ist es doch ganz praktisch, dass ich zwei habe.

Schon bald streichelten sich die Mädchen während des Stillens gegenseitig oder hielten Händchen. Sie hatten riesigen Spaß daran, die Seiten zu tauschen, und sehen mich vermutlich regelmäßig als eine Mischung aus menschlichem Schnuller und Milchbar. Sobald die Milch ihrer Meinung nach „alle“ ist, kuscheln sie sich oft zu ihrem Papa. Dann wird mir wieder klar, wofür ich offenbar besonders gebraucht werde.

Reaktionen auf das Langzeitstillen

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele Meinungen plötzlich auf einen einprasseln, sobald man Mutter wird. Eine Frage, die schwangeren Frauen häufig gestellt wird, lautet: „Wirst du stillen?“

Wenn man darauf mit Nein antwortet, gilt man fast schon als die schlechteste Mutter der Welt. Schließlich heißt es doch immer: „Stillen ist das Beste für dein Kind.“ Umso ironischer finde ich es, dass man scheinbar genauso kritisiert wird, wenn man länger als ein Jahr stillt.

Dann heißt es plötzlich, es sei unnötig, man würde sein Kind verwöhnen, es sehe komisch aus oder gehöre sich einfach nicht. Diese sogenannte „Muttermafia“ fasziniert mich immer wieder. Manche behaupten sogar, ich würde meine älteste Tochter klein halten oder sie würde wahrscheinlich nicht richtig essen, weil sie noch gestillt wird.

Interessanterweise höre ich solche Kommentare nie über die Milchflasche oder den Abendbrei, den viele Kinder ebenfalls vor dem Schlafengehen bekommen. Ob ein Kind seine Milch aus der Flasche oder an der Brust trinkt, darüber sollte letztlich jede Familie selbst entscheiden.

Zum Glück hat mich das Muttersein gelehrt, die Meinungen anderer immer häufiger an mir abprallen zu lassen. Ich weiß, was sich für unsere Familie richtig anfühlt, und genau das zählt.

Für die Muttermafia macht man es ohnehin nie allen recht. Warum also wertvolle Energie darauf verschwenden? Diese Energie investiere ich lieber in mich selbst, meine Kinder und, wenn vorhanden, meinen Partner.

Wann werden wir mit dem Stillen aufhören?

Diese Frage wird mir regelmäßig gestellt. Und ehrlich gesagt? Ich weiß es nicht genau. Irgendwann zwischen heute und ihrem 18. Geburtstag, antworte ich dann meistens scherzhaft.

Natürlich gibt es Momente, in denen ich mir wünsche, meinen Körper wieder ganz für mich allein zu haben. Aber gemessen an einem ganzen Leben ist diese Phase unglaublich kurz. Irgendwann wird es die letzte Stillmahlzeit geben, doch im Moment fühlt es sich für uns noch richtig an, weiterzumachen.

Nie hätte ich gedacht, dass unsere Stillreise einmal so verlaufen würde. Wenn ich anderen Müttern etwas mitgeben könnte, dann dies: Vertraut auf euer Bauchgefühl. Ihr kennt euer Kind besser als jeder andere.

Und was meine Brüste betrifft: Unsicher muss ich mich ihretwegen jedenfalls nicht mehr fühlen. Wenn ich zu Hause mein Shirt ausziehe, sind alle im Haus glücklich.

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