Die Geschichte einer Hebamme: die schönste Geburt meiner Laufbahn

„Odiel… mit dir beginnt unser schönstes Abenteuer…“
Das tippte ich letzten Sommer auf den Entwurf deiner Geburtskarte, die ich gemeinsam mit meinem Zwillingsbruder und meiner Schwägerin gestaltet habe. Damals klang es vor allem nach einem schönen Spruch, im Nachhinein stellte sich heraus: Es war die absolute Wahrheit.

Als deine Mama und dein Papa die Schwangerschaft verkündeten, machte mein Herz kleine Sprünge. Aber als ich erfuhr, dass ich bei deiner Geburt dabei sein durfte, war ich natürlich überglücklich. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich es mir nicht insgeheim immer ein bisschen gewünscht hatte… aber selbstverständlich war es für mich nie.

Gastblogger
Shari
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Hebamme und Tante!

 „Kannst du das überhaupt – dein eigener Neffe? Was, wenn es schwierig wird?“, fragten mich viele. Ich lächelte diese Fragen einfach weg, voller Vertrauen in das Team, zu dem ich gehören darf. Der Kreißsaal ist mein zweites Zuhause, meine Kolleginnen meine zweite Familie. Nach neun Jahren als Hebamme in diesen Räumen dachte ich, ich hätte jede Art von Anspannung und Emotion schon einmal erlebt. Aber dann hatte ich dich eben noch nicht kennengelernt!

Das Baby hat das Sagen

Mit einer ganzen Liste an Tipps von Kolleginnen, Ärztinnen, Osteopathen und vor allem einer sehr entschlossenen Mama hast du es doch noch geschafft, dich rechtzeitig von der Beckenendlage in die Schädellage zu drehen, gerade noch rechtzeitig, um den geplanten Kaiserschnitt abzusagen und auf eine spontane Geburt zu hoffen.

Aber Geburten verlaufen eben selten nach Plan. Im Kreißsaal kann man alles noch so gut vorbereiten, am Ende entscheidet immer das Baby. Immer.

"Mit deiner Herzfrequenz hast du uns immer wieder gezeigt, dass dir die Wehen gar nicht gefallen, und dein Weg ins Becken verlief eher schleppend."

Eine Einleitung

Aus medizinischen Gründen wurde deine Geburt eingeleitet. Und wie das bei Einleitungen so ist, brauchte es Zeit. Du hast es uns nicht leicht gemacht. Mit deiner Herzfrequenz hast du uns immer wieder gezeigt, dass dir die Wehen gar nicht gefallen, und dein Weg ins Becken verlief eher schleppend.

Trotz aller akrobatischen Positionen, die ich deiner Mama vorschlug, wolltest du einfach nicht mit der Schwerkraft – und mit uns – kooperieren. Wenn es nach dir gegangen wäre, wärst du wahrscheinlich einfach noch ein Weilchen geblieben, wo du warst. Zum Glück blieb deine Mama ganz ruhig, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Und dein Papa tat, was er am besten kann: ausstrahlen, dass alles gut wird.

Als die Nacht wieder hereinbrach, hast du dann doch entschieden, dass es Zeit war für deinen großen Auftritt. Deine Mama hat die Presswehen gemeistert, als hätte sie dafür trainiert, aber du hast schnell signalisiert, dass du keine Lust mehr hattest. Das Baby hat das Sagen, hatten wir gesagt? Das hattest du dir gemerkt. Es reichte dir. Und das ließ deine Herzfrequenz ganz deutlich erkennen.
Die Gynäkologin half dir, deiner Mama und der Schwerkraft mit einer Saugglocke in die richtige Richtung, und dann durfte ich dich auf dieser Welt begrüßen.

Ein schwieriger Start

Deine vielen Purzelbäume in der Schwangerschaft hatten dir ein paar elegante Schleifen in deiner Nabelschnur eingebracht. Und nach dem Entwirren hielt ich plötzlich ein wunderschönes, aber stilles und blasses Bündel Liebe in meinen Händen. Mir war sofort klar: Du brauchst Unterstützung.

Ich hatte dieses Szenario im Kopf schon einige Male durchgespielt – und obwohl die Tante in mir am liebsten „Wein doch endlich!“ gerufen hätte, sagte meine Hebammen-Stimme fast automatisch: „Ich nehme ihn kurz mit, um beim Atmen zu helfen. Es wird alles gut.“

Für mich fühlte es sich viel länger an, als es wirklich war, aber nach ein paar Minuten und etwas Unterstützung beim ersten Atemzug war es endlich da: dein feines, zartes Stimmchen, das seitdem mein absolutes Lieblingsgeräusch ist.

Dankbar für dieses Erlebnis

Deine Geburt war nicht die Traumgeburt, die ich dir und deinen Eltern gewünscht hätte – aber du bist das Traumbaby, das sie verdient haben. Während du jetzt – ein gutes halbes Jahr später – neben mir sitzt und plapperst, als würdest du die Geschichte am liebsten selbst erzählen, schreibe ich diese Zeilen auf.

Ich bin so dankbar. Für deine Mama und deinen Papa und das grenzenlose Vertrauen, das sie mir geschenkt haben. Es war intensiv,  aber auch das schönste Gefühl, das ich je erleben durfte. Für die lieben Ärztinnen, denen ich voll und ganz vertrauen konnte. Für die allerbeste Freundin und Kollegin, die mit mir gemeinsam über Gebärpositionen, Herzfrequenzmuster und Geburtsverlauf nachgedacht hat und alles festgehalten hat, auch wenn sie dafür selbst akrobatische Posen einnehmen musste.

Aber vor allem bin ich dankbar für dich, liebster Odiel – weil du in dieser kalten Winternacht plötzlich die Sonne hast scheinen lassen. Und weil du seitdem keinen einzigen Moment damit aufgehört hast. Und weil du mir gezeigt hast, dass es auch dann genau richtig ist, wenn alles ganz anders läuft als geplant.

Es war nervenaufreibend spannend, aber gleichzeitig auch wundervoll schön. Und ich hätte für kein Geld der Welt auch nur eine einzige Sekunde davon missen wollen.

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